LAK | 13. Sommertreffen

13. Sommertreffen 2003

27. Juni bis 03. Juli 2003

Meine Begegnung mit N.

Es war ein schöner sonniger Tag, dieser 27. Juni 2003, als ich auf dem Sportplatz des SV Telekom Emden stand und erwartungsvoll beobachtete, welche Jugendlichen sich in diesem Jahr für das Emder 12. Sommertreffen angemeldet haben.

Nun komme ich das 11 Jahr nach Emden, um mit den Jugendlichen 10 Tage zu verleben und immer wieder frage ich mich, „warum machst du das eigentlich?“

Doch auch in diesem Jahr kann ich keine einfache Antwort darauf geben. Es sind zum einen die jungen Menschen, die mit ihren so unterschiedlichen Besonderheiten, mit ihrer ganz besonderen Ausprägung diese 10 Tage, 10 Tage mit ihren unterschiedlichen Anforderungen, zu meistern suchen.

Es ist das immer wieder kennen lernen dieser besonderen Zielgruppe, der Zielgruppe der so genannten Benachteiligten.

Und immer wieder frage ich mich, was macht sie zu dieser Zielgruppe?

Ihre Persönlichkeit?

Nein, denn in diesen 11 Jahren habe ich sie wie anderen Jugendliche an der Schnittstelle Jugendliche/Erwachsene erfahren.

Ihre Kompetenzen?

Auch hier habe ich erlebt, dass sie viele Kompetenzen haben, die nur darauf warten freigelassen zu werden.

Vielleicht sind es doch nur wir, die Erwachsenen, die Gesellschaft, die Strukturen, die sie zu Benachteiligten machen?

Es ist aber auch das Besondere der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, auf die wir uns hier im Camp – denn ein solches ist es auch – immer wieder neu einlassen.

Die Gruppen waren dabei ihre Zelte aufzuschlagen und sich durch die Anordnung der Zelte eine "Wohnburg" zu gestalten. N. fiel mir auf, weil sie mir, obgleich kräftig gebaut und rau im Umgangston, sehr verletzlich, sanft und mitfühlend vorkam.

Unsere erste Begegnung viel auch entsprechend kühl aus. Ich begrüßte sie im Gruppenraum des Sportvereins, sie schaute mich kaum merklich an und drehte sich weg.

Gut dachte ich, du brauchst deine Zeit um dich auf mich einzulassen, das ist in Ordnung. Ich hielt nun die von ihr gewählte Distanz ein und gleichzeitig signalisierte ich ihr Gesprächsbereitschaft und Offenheit. Andere Jugendliche waren da unkomplizierter und bauten sehr schnell eine, für sie akzeptable Beziehung auf, die für mich ein Zugehen und Miteinander erleichterte.

Meine Begegnungen mit N., und das war das spannende für mich, wurde im Laufe der Zeit immer offener und „näher“. Wenn ich sie sah grüßte ich und lächelte sie an, suchte ihren Blick. Und sie, sie hielt meinen Blick immer länger und offener aus. Sie fing sogar an mir auf Fragen zu antworten. Doch ich vermied es ihr eine Gespräch aufzudrängen.

Da sie sich nicht für meinen Work-Shop „Internet“ angemeldet hatte, fanden unsere Begegnungen auch mehr zu den Mahlzeiten, in der Freizeit und während der Betriebsbesuche statt. Das gab mir aber auch die Gelegenheit, sie zu beobachten.

Und damit kam ich wieder auf meine Frage: Was ist das benachteiligte an ihr?

Ich erlebte eine junge Frau, die interessiert war an ihrem Umfeld. Die sich um ihre Kollegen aus dem Projekt bemühte. Die im Umgang mit ihnen einen offenen, ehrlichen „Gefühlsumgang“ pflegte und wie mir schien darin auch akzeptiert und anerkannt wurde. Eine junge Frau, die darum bemüht war, auf Grund ihres Daseins anerkannt zu werden.

Gleichzeitig konnte ich beobachten, dass sie Anerkennung, vor allem von den Projektmitarbeitern über ihr Verhalten, ihre Leistungen bezog.

Es schien so, als ob sie sich mit dieser Art der Anerkennung abgefunden hatte, auch wenn sie eine andere Art der Akzeptanz und Anerkennung gern gewollt hätte. Dieser Umstand wurde für mich deutlich, als wir beide außerhalb des Camps und irgendwelcher gemeinsamen Programmpunkten zusammentrafen. Es war wohl auch, im nach herein betrachtet, der Moment, wo wir ein „Zueinander“ aufgebaut haben.

N. war im Work-Shop „Zeitungsgruppe“ und diese Gruppe traf sich zu letzten Absprachen mit einem im Sommertreffen mitarbeitenden Journalisten, in einem Café in Emden. Es war kurz vor einem Fußballspiel, an dem die Gruppe teilnehmen und darüber journalistisch aufbereitet berichten sollte.

Ich kam in das Café, nur um ein Kaffee zu trinken, die Gruppe saß um einen Tisch im Gespräch vertieft. N. jedoch nicht. Sie saß an einem anderen Tisch und sah ziemlich gefrustet aus. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch, fragte, ob ich sie zu einer Cola oder Kaffee einladen darf, was sie verneinte. Wir saßen einen Moment schweigend nebeneinander, hörten zum Teil der anderen Gruppe zu und ich versuchte zu erspüren, was sie veranlasste, sich nicht dazu zu setzen.

Ich tat den ersten Schritt und fragte sie: "Dieser Work-Shop ist nicht dein Ding?" Sie sah mich eine Weile erstaunt an, nickte dann und sagte mehr zu sich selbst.

"Immer muss ich da mitmachen. Keiner meldet sich und dann heißt es N. macht das schon. Und ich sage nicht nein, aber es stinkt mir."

Sie sah mich eine Weile erwartungsvoll an. Evtl. erwartete sie, dass ich sie beschwichtige, sie umzustimmen versuchte, ihr zu erklären versuche, wie wichtig das alles ist oder ähnliches. Ich tat nichts davon, sah sie nur an mit dem Gefühl: Das ist OK, rede nur weiter. Und sie redete weiter und sie erzählte mir, wie es sie frustet, dass alle nur was von ihr wollen, dass sie nur gut ist und gesehen wird, wenn sie angepasst ist, tut was man von ihr Will und sonst keine eigene Meinung hat.

Ich vermittelte ihr, dass mir ihre Meinung, ihre Wünsche wichtig sind zu hören und fragte sie, was sie denn lieber hätte, wie die anderen sie sehen sollten.

Sie sah mich mit einem mal misstrauisch an und fragte mich unvermittelt: "Setzt du dich nicht auch zu den anderen?" "Nein, warum sollte ich? Ich finde das, was du mir erzählst wichtiger und möchte mich mit dir unterhalten", war meine Antwort. Sie stutzte einen Moment, lächelte mich an, ein tiefes lächeln, befreiend, zufrieden und stolz. Und sie erzählte mir von ihren Eltern und dass sie dort keinen richtigen Zugang fand. Von Freunden, die sie nur benutzen. Von ihrer derzeitigen Schwangerschaft und dass sie am überlegen ist, ob und wie sie dem Kind später mal das an Zuwendung geben kann, was sie für sich immer gern gehabt hätte. Und das Erwachsene so egoistisch seinen.

Unser Gespräch wurde plötzlich beendet, da die Gruppe zum Fußballplatz musste und N. aufforderte mitzugehen. N. stand schnell auf, sah mich nicht an und ging. Es kam mir so vor, als sei es ihr peinlich, was sie mir alles erzählt hatte und einer evtl. Reaktion von mir aus dem Wege gehen wollte. Vielleicht war da auch die stille Frage: "Kann ich ihr vertrauen? Erzählt sie das den anderen nun weiter? Was macht sie mit dem was ich ihr alles gesagt habe?"

Dieses Gefühl wurde bestätigte sich, als ich sie am nächsten Tag sah und sie mir aus dem Wege ging. Ich sorgte jedoch dafür, dass wir uns begegnen, grüßte sie freundlich, fragte nach ihrem Befinden und blickte sie offen an. Dieses wiederholte sich an weiteren zwei Tagen und dann glaubte sie mir, dass ich weder mit jemanden darüber gesprochen hatte, noch irgendwelche Schlüsse oder Konsequenzen davon ableite.

Und wieder war ich bei meiner Frage angelangt: "Was ist die Benachteiligung bei diesen jungen Menschen?"

"Ein Vorurteil?"

"Eine von dem Schulsystem, der Wirtschaft, der Politik gemachte Gruppe von Menschen?"

N. hat mir deutlich gemacht, wie weit sie sich mit mir einlassen will. Ich habe dieses wahrgenommen und mich darauf eingestellt. Ich habe ihr zu verstehen gegeben, ich akzeptiere dich wie du bist und du bestimmst das Tempo unserer Begegnungen. Und damit bauten wir eine Beziehung auf, die – ich glaube für uns beide – angenehm war. Wenn ich etwas wollte konnte ich sie fragen, wenn sie etwas wollte fragte sie mich. Ich bemerkte, dass sie anfing sich in meiner Nähe wohl zu fühlen, es begann etwas Selbstverständliches in unseren Begegnungen hineinzufließen. Und ich glaube, es hat ihr gut getan, nein, uns beiden gut getan. Immer wieder fanden wir Zeit zu Gesprächen und wenn sie nur ganz kurz waren.

Ich habe sie sehr offen, direkt und ehrlich erlebt und wünschte mir dieses mehr in meinem Alltag, in meiner Arbeit zu erleben.

Als das Emder Sommertreffen zu Ende war und sich alle verabschiedeten, bedankte sie sich bei mir mit den Worten: "Es war gut dich hier zu haben. Du warst einfach da. Ich finde das toll. Ich glaube, ich weiß jetzt, dass ich meinem Kind doch das geben kann, was es an Liebe braucht. Danke!"

Ich war erst total sprachlos, nahm sie wortlos in den Arm, bedankte mich auch bei ihr, für ihr Vertrauen und wünschte ihr und ihrem Kind alles gut.
Ursula Hellweg   [Begegnung mit N. pdf ⇒ ]


▲ Seitenanfang ▲